Wie uns die Hiobsbotschaft erreichte

(zur Erläuterung: am Tag des Unfalls befand ich mich mit drei Freunden auf einem Segeltörn. Wir waren früh morgens von Texel aufgebrochen und den ganzen Tag bis abends unterwegs, bis wir gegen 19:00 Uhr Amsterdam erreichten. Unser Skipper Joachim erzählt, wie er und beiden anderen Crewmitglieder diesen Tag erlebt haben).

von Joachim Krohnke

05:30 aufstehen, 06:15 auslaufen! Wie schön wäre es gewesen, sich jetzt noch einmal umzudrehen und in der warmen Koje zu liegen. Aber wat mut, dat mut! Gefrühstückt wird unterwegs, Schnittchen und der Kaffee wecken die Lebensgeister. Es ist noch kühl, nur wenig Wind und dann auch noch von vorn. Also unter Motor bis zur Fähre zwischen Den Helder und Texel. Dann setzen wir Segel und fallen ab nach SW am Leuchtturm vorbei. Weit kommen wir so nicht, denn der Wind kommt westlicher als wir denken. Er dreht immer mehr in Richtung S, so daß wir weit auf die Nordsee hinaus müssen. Der Wind schläft ein. Die See ist gespenstisch. Also Motor an, gegen die Strömung, die uns erst nach Mittag in die gewünschte Richtung mitnimmt. Der Wind frischt wieder etwas auf - also Segel rauf - der Wind läßt wieder nach - also Segel wieder runter-. So eine Äppelei nervt schon auf die Dauer.

 

Schließlich laufen wir gegen 16:00 Uhr unter Segel bei ganz gutem Wind in den Vorhafen von Ijmuiden ein. Hier findet in dieser woche wieder die - HISWA In Water Amsterdam Boat Show - statt, die wir letztes Jahr besucht haben. Deshalb schreckt der Hafen uns ab, weil wir neben den teureren Hafengebühren als üblich auch noch den Eintritt für die Ausstellung bezahlen mußten. Das Hafengeld betrug dadurch für uns und unser Schiffchen 120 Gulden!!

Weil es noch nicht so spät ist, laufen wir durch den Nordzeekanal in direkter Fahrt nach Amsterdam. Keine Wartezeit an der Schleuse, alles leer. Unser Tank wohl bald auch!? Ich wundere mich immer wieder, wie sparsam so ein Diesel ist.

Um 18:30 Uhr laufen wir im Amsterdamer Sixthafen ein. Wie immer ist der Hafen ziemlich voll, aber wir finden auf Anhieb die gleiche Box, in der wir im letzten Jahr gelegen haben. Heute wollen wir auf die Kochkünste unseres Smuts verzichten und gehen an Land essen. Auswahl gibt es hier ja genug.

Also Wasch- und Toilettengang, und mit der Fähre rüber zum Hauptbahnhof. Wir laufen ziemlich lange durch die Stadt, denn hier gibts viel zu sehen. Wir haben Hunger und finden schließlich einen großen Chinesen. Im 1. Stock wurde gerade ein schöner Tisch am Erkerfenster frei.

Während wir die Speisekarte studieren - es war ziemlich genau 21:00 Uhr - kam der Anruf. Wir hörten nicht, was am anderen Ende gesprochen wurde; Wolfgang P. sagte nur immer: - Das kann doch nicht wahr sein, das darf nicht sein! Wie ist denn das passiert? - Nach dem Gespräch schauten wir ihn fragend an, und er sagte: - Ich kann jetzt nichts essen, mein Sohn ist tödlich verunglückt! - Wir waren geschockt, betroffen, sprachlos. Wir können alle nichts essen, also raus hier! Nach kurzem Überlegen gab es nur einen Rat: - Wir sind in Amsterdam, von hier aus besteht die Möglichkeit nach Hause zu kommen. Wir gehen jetzt zum Hauptbahnhof und suchen die schnellste Zugverbindung nach Düsseldorf aus. - Wolfgang war wie benommen. Schweigend und im Eilschritt ging es zum Hauptbahnhof. Unterwegs noch ein Versuch per Handy mit seiner Frau Irmi zu sprechen. Es ging nicht. Nur Weinkrämpfe kamen als Antwort.

Im Hauptbahnhof gab es für verschiedene Auskünfte verschiedene Wartenummern zu ziehen. Wir haben Nummern für alle Schalter gezogen. Die Dame hinter dem Tresen war zunächst widerwillig und desinteressiert, sie suchte nur gemächlich nach Zugverbindungen nach Düsseldorf. Alle gingen erst morgen früh, über Aachen und Köln oder hatten unterwegs lange Wartezeiten auf Anschlußzüge. Als wir den Vorschlag machten, die schnellste Verbindung bis zur Grenze zu finden, und die Schalterdame die Wichtigkeit unseres Anliegens allmählich begriff, ging es etwas besser. Der Zug fuhr allerdings schon in 10 Minuten (=21:45 Uhr) ab und war noch vor Mitternacht dort. Wir rieten ihm zu: - Du fährst so, wie Du bist; Du hast Deine Papiere, Dein Portemonnaie und Dein Handy bei Dir. Du rufst unterwegs jemanden in Deutschland an, der Dich in Venlo abholt.

Während noch das Ticket ausgestellt wurde, schickten wir Wolfgang M. in die Bahnhofshalle, um schon mal den Bahnsteig ausfindig zu machen. Es klappte, 5 Minuten, bevor der Zug einlief, standen wir auf dem Bahnsteig. Schweigend, und ohne wirklich begriffen zu haben, was passiert war.

Das war das abrupte Ende eines Segeltörns, der so unbeschwert begonnen hatte. Wir, die Restmannschaft, fuhren ziemlich betreten mit der Fähre zurück über den Kanal. Von der Telefonzelle riefen wir unsere Frauen an. An Bord wärmte Hans-Gerd eine Dosenmahlzeit auf. Bis 02:00 Uhr dachten wir über das Geschehene nach und machten uns Gedanken darüber, ob es richtig war, ihn Hals über Kopf und dazu noch allein in den Zug zu setzen. Kommt er gut an? Wer holt ihn ab? Was würde ihn zu Hause erwarten? Wie kann er und seine Faru damit umgehen? Warum geschieht so etwas? Fragen, die niemand beantworten konnte.