03. September 1999 - Freitag

Wir stehen Freitag morgen früh auf, frühstücken und denken darüber nach, wieso Oli nicht die erste Autobahnabfahrt Richrath genommen hat. Yvonne glaubt, daß er vermutlich direkt in die Stadt wollte. Hierfür ist die nächste Ausfahrt Mohnheim günstiger. Beide Ausfahrten liegen knapp 1 km auseinander.

Gegen 08:30 rufe ich die Autobahnpolizei an, die den Unfall bearbeitet. Der dortige Kommissar ist sehr hilfsbereit und erläutert mir genau, wie es zu dem Unfall kam.

Ich frage nach den Verletzungen von Oli. Hierzu kann er mir keine Angaben machen und verweist mich an die Feuerwehr, die den Notarztdienst gestellt hatte.
Durch den Anruf bei der Feuerwehr Langenfeld erfahre ich, daß der diensthabende Notarzt zu einer Duisburger Klinik gehörte und ich möglicherweise dort Auskunft bekäme. Auch hier ist man sehr hilfsbereit und sucht - was anscheinend problematisch ist - die Telefonnummer dieses Arztes. Nach einiger Zeit erhalte ich die Nummer und wende mich also an den Notarzt, der Olis Leben vergeblich zu retten versuchte.

Der Arzt teilt mir folgendes mit:

Als ich die Unfallstelle erreichte war der Verletzte nicht mehr ansprechbar. Er hatte schwere innere Verletzungen. Wir haben ihn sofort narkotisiert. Wegen der starken inneren Blutungen haben wir einen Enlastungsschnitt machen müssen. Leider waren alle Versuche, Olis Leben zu retten erfolglos. Die genaue Todesursache kann nur eine Obduktion klären. Letztendlich wird er vermutlich an der Folge des hohen Blutverlustes gestorben sein. In Abstimmung mit einem zwischenzeitlich per Hubschrauber eingetroffenen Kollegen habe er um kurz nach 18:00 Uhr Olivers Tod festgestellt.

Gegen 09:30 Uhr ruft der Komissar der Polizeidienststelle an und fragt, ob wir eventuell damit einverstanden seien, daß die Hornhaut der Augen von Oli für eine Organspende verwendet werden dürfe. Die Uni-Klinik habe zunächst bei ihm angefragt. Falls wir uns für die Organentnahme entschieden, würde er dies dem dortigen diensthabenden Arzt telefonisch mitteilen. Dieser würde uns dann anrufen. Wir sollten uns allerdings rasch entscheiden, da die Hornhaut nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt noch hierfür verwandt werden könne.

Wir entscheiden uns schweren Herzens für die Transplantation. Wir glauben, daß Oli genauso entschieden hätte. Nach Auskunft des Arztes werden noch am gleichen Tag zwei Blinde die Hornhaut von Oli verpflanzt bekommen mit guten Aussichten, dadurch wieder sehen zu können. - Der Gedanke, daß dadurch noch ein Teil von Oli weiterlebt tröstet ein wenig.

Wir überlegen, wen von Olis Freunden wir benachrichtigen sollen und entscheiden uns für Jörn, weil wir dessen Telefonnummer gerade greifbar haben. Ich rufe an. Aber offensichtlich haben wir die Nummer von Jörns Eltern angewählt. Jörns Mutter meldet sich. Ich stelle mich vor als Olis Vater und teile ihr die traurige Botschaft mit. Herr Paumen? Oli ist tot? Unser Oli?
Ich erzähle ihr wann und unter welchen Umständen der Unfall passierte und bitte sie, Jörn doch zu benachrichtigen.

Jörns Anruf läßt nicht lange auf sich warten. Ich schildere ihm den Unfall ebenfalls. Er kann nicht viel sagen, was ich ihm auch nicht verdenken kann. Was soll man dazu schon sagen.
Her Paumen, ich kann ihnen nur sagen, ich fühle mich leer! ich melde mich wieder. - ist Jörns Antwort.

Ich fahre mit dem Auto zum Parkplatz Berghausen und suche nach Spuren des Unglücks. Ich bin betroffen darüber, daß aber so gut wie nichts auf das schreckliche Geschehen hindeutet. Eine starke zweispurige Bremsspur ungefähr auf der Höhe von km 10,090 - lt. Polizeiauskunft der genaue Unfallort -, die von der Fahrbahn auf den Seitenstreifen führt, deutet darauf hin, daß möglicherweise der nachfolgende Verkehr hierdurch einen Auffahrunfall vermieden hatte als Olis Unglück geschah.

Ich stehe am Straßenrand im Höllenlärm, den die vorbeirasenden Autos verursachen und denke, daß hier unser Oli seinen letzten Atemzug getan hat.

In das Gras neben dem Seitenstreifen, ungefähr auf Höhe des von der Polizei angegebenen Unfallortes, stelle ich eine Vase mit ein paar Blumen. Mit einem Kloß im Hals und einem flauen Gefühl im Magen verlasse ich diesen Ort, der für Oli zum Schicksal wurde.

Es ist heiß an diesem Freitag. Das schöne, für die Jahreszeit viel zu heiße Wetter erscheint mir vollkommen unpassend. Es wirkt auf mich wie Hohn. Die Welt dreht sich weiter als ob nichts geschehen wäre. Was sind wir doch für kleine Lichter. Nur wenn es uns selbst trifft, glauben wir, die Welt müsse stehen bleiben. Und trotzdem ist es so. Ich hasse alles Fröhliche. Die Sonne nervt mich, obwohl ich unter anderen Umständen das schöne Wetter genossen hätte.

Ich steige wieder ins Auto und fahre zum Abschleppunternehmen Schwientek, wo das Motorrad lt. Polizeiauskunft abgestellt wurde. Das Gelände ist eingezäunt und mit einer großen Stahlschiebetür verschlossen. Im Büro finde ich Herrn Schwientek, der mir den Schlüssel aushändigt. Ich sehe mir die Maschine an und bin überrascht, in welch gutem Zustand sie sich noch befindet. An der rechten Seite ist die Verkleidung abgerissen, das Gestänge des Lenkers ist an beiden Seiten nach innen gebogen, so als ob sich die Maschine seitlich überschlagen hat. Die Gabel des Vorderrades ist nach hinten gebogen und vermutlich wird der Rahmen verzogen sein. Sogar das Glas des Scheinwerfers ist noch intakt.

Ich hätte vermutet, daß ein Motorrad, das mit Tempo 130 zum Sturz kommt, nur noch ein verbogenes Stück Metall wäre. Dem ist ganz und gar nicht so. Ob man die Maschine noch reparieren kann muß der Gutachter entscheiden. Mir geht durch den Kopf, daß die Technik für solche Katastrophen besser geschützt erscheint als der Fahrer.

Während ich mir das Motorrad anschaue kommt Herr Schwientek hinzu und fragt, ob ich den Fahrer der Maschine kannte. Ich stelle mich als dessen Vater vor und teile ihm mit, daß mein Sohn bei dem Unfall ums Leben gekommen sei. Herr Schwientek äußert sich daraufhin wie folgt:

"Ja, mit dem Motorrad ist dat so 'ne Sache. Die Autofahrer können dat oft nich einschätzen, wie schnell die Dinger sind. Letztens hammer einen von der Straße kratzen können, der mit Tempo 220 einem PKW aufjefahren is. Der PKW is auch einfach auf die linke Spur rüber. Übrijens, wenn se nen Jutachter brauchen, da weiß ich einen. Saren se mir Bescheid. Nen Anwalt weiß ich auch. Macht für uns immer alles. Hier haben se die Karte."

Ich merke, wie mir die Wut aufsteigt. Ich verlasse das Gelände fluchtartig, um mit diesem Rohling nicht einen Streit anfangen zu müssen.

Nachmittags sind wir beim Bestattungsinstitut. Wir suchen einen Sarg aus. Irmi entscheidet sich für einen Sarg mit blaßgrünem Anstrich. Die Dame, die uns betreut, zeigt uns Leichenhemden. Wir sollen uns für eines entscheiden. Wir entscheiden uns dazu, Oli die Sachen anzuziehen, die er im Leben gerne getragen hat - wir suchen aus senem Kleiderschrank eine Hose und ein Sweatshirt von O'Neill aus, die Marke die er seit Jahren bevorzugte.

Oliver ist noch nicht aus der Uni-Klinik nach Langenfeld überführt worden. Allerdings erfahren wir, daß die Staatsanwaltschaft den Leichnam bereits zur Überführung freigegeben habe, weil eine phorensische Obduktion nicht notwendig sei. Man rät uns ab, Oliver noch einmal zu sehen. Wir akzeptieren das zunächst und diskutieren mit Verwandten, die zu Besuch sind darüber. Die Meinungen sind geteilt.

Irmi will unbedingt Oli noch einmal sehen - komme was wolle. Yvonne möchte Oli so im Gedächtnis behalten, wie er - unverletzt - war. Sie hat Angst, sich später nur noch an den Toten zu erinnern. Ich weiß nicht, was ich will. Einerseits möchte ich ihn gerne noch einmal sehen. Andererseits habe ich eine Riesenangst davor - auch davor, daß Yvonnes Befürchtungen für mich zuträfen.