04. September 1999 - Samstag

 Wir nehmen Abschied

 Irmi ist entschlossen, Oli noch einmal zu sehen. Ich entscheide mich ebenfalls dafür, denn der Gedanke, daß Irmi alleine zu Oli geht ist mir unerträglich.

Im Beerdigungsinstitut rät man uns davon ab. - Behalten Sie Ihren Sohn so in Erinnerung, wie er im Leben war - hieß es. Hier liegt nur die Hülle, Oli ist jetzt woanders, wo auch immer.

Wir sind trotzdem entschlossen und bitten darum, Oli noch einmal sehen zu dürfen. - Wir warten eine kurze Zeit, bis Olis Sarg in einen hierfür eingerichteten Raum gefahren wurde und gehen dann zu ihm.

Oli sieht nicht friedlich aus, wie uns unsere Tante, die später ebenfalls von Oli Abschied genommen hatte, in guter Absicht weismachen wollte. Zwar sind keine schweren äußeren Verletzungen erkennbar, angekleidet und zugedeckt wie er war. Auch die Prellung oberhalb der linken Augenbraue erscheint nicht bedrohlich. Deutet Sie doch an, durch seinen Sturz immerhin möglicherweise sofort das Bewußtsein verloren zu haben (was ich mir für ihn wünsche) und er dadurch keine Schmerzen mehr leiden mußte.

Die aufgeplatzte Oberlippe scheint genäht worden zu sein. Auch ist erkennbar, daß Oli zumindest die oberen Schneidezähne verloren hat (Anmerkung: das war ein Irrtum, wie sich später herausgestellt hat). Trotzdem, so wie Oli da liegt, wirkt er schlafend und nicht tot. Der Mund ist leicht geöffnet. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich hatte das Gefühl, daß der Schrecken dieses Unfalls sich regelrecht in sein Gesicht gebrannt hat. Es wirkte wie eine Momentaufnahme beim Unfall, - so kam es mir jedenfalls vor. Irmi streichelt seine Arme und erschrickt, wegen der Kälte. Ich streichele ihm nocheinmal über das Haar.

Nach einiger Zeit lösen wir uns von Oli und verlassen den Raum. Ich bin überwältigt und erleichtert, daß wir nicht dem Rat derer gefolgt sind, die uns von diesem Abschied abrieten. Ich bin Irmi dankbar, mich quasi gezwungen zu haben, sie nicht alleine von Oli Abschied nehmen zu lassen.

Ich erinnere mich künftig an Oli, so wie er im Leben war - und im Tode. Erst jetzt, nachdem ich ihn tot gesehen habe, beginne ich erst, an diese Tatsache zu glauben. Der Schmerz ist riesig, weil unabweisbar und die Tatsache als solche irreversibel und endgültig.

Immer wieder gehen mir unsere Tage auf der Müritz durch den Kopf. Es ist gerade mal zwei Monate her. Ich sehe ihn lachen, mit Yvonne sich necken. Die ersten beiden Tage haben wir - für unsere Verhältnisse - kräftigen Wind zwischen 5 und 6 Beaufort. Oli packt kräftig zu und bei diesem Wind spüre ich den Spaß, den es ihm macht, daß er richtig körperlich ran muß (Oliver war für die Genua zuständig, wer segelt weiß, was das bedeuten kann). Um mit Olis Worten zu reden: es war action an Bord. Ich bin einerseits dankbar, daß wir nochmal die Gelegenheit hatten, andererseits verzweifelt, daß so etwas mit ihm nicht mehr möglich ist. -

Am Nachmittag suchen wir auf dem kleinen Friedhof in Berghausen, an der Blumenstraße, ein Grab für Oli aus.