05. September 1999 - Sonntag

 Wir erfahren Hilfsbereitschaft

Der sehr heiße Sonntag verläuft in gedrückter Stimmung. Äußerlich läuft alles wie sonst auch.

Ich gehe morgens mit unserem Beagle Duxi ca. eineinhalb Stunden spazieren. Dabei zieht es mich wieder zur Unfallstelle. Von der Fußgängerbrück aus, die unmittelbar hinter dem Berghausener Autobahnparklatz über die Autobahn führt und die man von Berghausen aus durch die Felder erreichen kann, schaue ich mir wieder den Ort des grauenhaften Geschehens an. Wie oft bin ich hier vorbeigekommen. Nie hätte ich vermutet, daß diese Stelle zu Olis Todesfalle hätte werden können. Irgendwann wende ich mich ab und wir gehen weiter.

Zu Hause treffe ich unsere gute Seele, die Tante Marianne, an. Sie hat uns vier Rosen geschenkt.

Das seid ihr vier.
Auch wenn eine Rose jetzt fehlt.
Euch kann nichts auf der Welt trennen!

- sagt Tante Marianne.

Ich habe oft darüber nachgedacht. Wenn ich rational auch immer schwanke. Gefühlsmäßig glaube ich, daß sie recht hat.

Selbst die Wissenschaft sagt in der Quantentheorie, daß die Welt durch das Bewußtsein beeinflußt wird, daß in der weiteren Konsequenz das Bewußtsein quasi seine Welt schafft (ähnliche Gedanken finden sich auch in Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung). Wenn es etwas wie eine Seele gibt, dann ist möglicherweise durch den Verstand und unser Bewußtsein eine Verbindung vorhanden, wodurch sich bei unserem eigenen Tod unsere Seele ihren Weg zu unseren Seelenverwandten, die wir im Leben liebten, sucht.

Es sind solche Gedanken, die mir immer wieder modifiziert und in andere Form - mal philosophisch - mal religiös - durch den Kopf gehen. Solche Fragen habe ich mir schon seit Jahren nicht mehr gestellt. Ich hatte offenbar, vom Glück scheinbar begünstigt geglaubt, Unglück geschähe nur anderen. Nach dem Motto: bedauerlich, aber nicht zu ändern. - Wie wird das Wetter morgen?

Olis Oma Thea und seine Tante Vera, die selbst erst vor knapp 2 Jahren ihren Ehemann viel zu früh verloren hat, sind zu Besuch und versuchen uns zu trösten. Vera fordert Irmi auf, die Tränen nicht zurückzuhalten und nimmt sie in den Arm. Beide weinen.

Nachmittags fahre ich wieder zum Unfallort. Ich stelle eine Vase mit Blumen ungefähr an die Stelle, wo vermutlich der Rettungswagen stand, in dem Oli starb. Wieder suche ich nach Spuren des Unglücks. Mir scheint ich sehe Kratzer an der Leitplanke des Mittelstreifens, vielleicht auch nur Einbildung. Wegen des starken Verkehrs kann ich nicht nachsehen.