02. September 1999 - Donnerstag, der Tag des Unfalls

Der Tag begann für mich schon sehr früh. Es war der 4. Tag unseres alljährlichen Einwochen-Törns mit einer 30-Fuß-Slup eines Kollegen in Holland. Am Vortag hatten wir Station auf Texel gemacht und als Ziel für diesen Tag hatten wir uns den Sixthafen in Amsterdam ausgesucht. Wir fuhren gegen 07:00 Uhr von Texel los. Gegen 16:00 Uhr erreichten wir die Schleuse bei bei Ijmuiden und fuhren ab dort auf dem Rijks-Kanal bis Amsterdam.

Zum Zeitpunkt des Unfalls von Oli, um 17:23 Uhr, waren wir noch ca. 2 Stunden vor unserem Zielhafen in Amsterdam. Es war ein herrlicher Sonnenschein. Wir blödelten herum und ließen es uns gut gehen. Allerdings hatten uns die 10 Stunden, die wir bis jetzt schon unterwegs waren ein wenig geschafft.

Ich kann es kaum fassen, daß ich nichts davon bemerkte, welche Katastrophe mein Sohn Oliver zu diesem Zeitpunkt erlebte!!! - Wie kann so etwas furchtbares passieren und man selbst ist fröhlich und lebenslustig?

Während Oliver schwer verletzt die nächsten 43 Minuten mit dem Tode ringt, fahren wir, müde und hungrig zwar, ansonsten jedoch gut gelaunt auf Amsterdam zu. Um 18:06 Uhr sehen wir bereits die Stadtfront von Amsterdam und sind ca. 20 Minuten vor unserem Ziel.

Selbst jetzt, in der Minute des Todes meines Sohnes, merke ich nicht den Hauch davon. Ich kann das kaum verstehen. Es stirbt ein Teil von mir und ich bemerke es nicht!

Wir finden im fast besetzten Sixthafen noch eine freie Box, klarieren das Schiff ein wenig, schließen ab und machen uns auf den Weg in die Stadt. Es ist jetzt ca. 19:00 Uhr. Während wir durch das Nachtjacken-Revier von Amsterdam schlendern und uns amüsieren, versucht Yvonne verzweifelt, mich über Handy zu erreichen. Ich trage das Handy in meiner Jackentasche. Wegen des Straßenlärms muß ich das Klingeln jedoch nicht gehört haben.

Endlich kehren wir gegen 21:00 Uhr bei einem Chinesen ein. Die Kellnerin hat gerade die Karten gebracht, wir blättern interessiert darin herum, als ich mein Handy in der Jacke höre. -

Irgendwie beschlich mich ein ungutes Gefühl dabei. Unser Skipper (Joachim, gen. Juppo) erzählte mir später, daß es ihm im Nachhinein so vorkam, als ob ich zögerte, ans Handy zu gehen. Rückblickend glaube ich, daß ich nichts Gutes erwartete. Nur mit der Nachricht, die ich dann hören mußte, hatte ich absolut nicht gerechnet!

Yvonne erzählt mir tränenerstickt kurz und knapp folgendes:

Hallo Papi, es ist was Schlimmes passiert. Oliver ist mit dem Motorrad  t ö d l i c h  verunglückt!

Meine erste Reaktion: das kann nicht sein. -
Meine zweite Reaktion: es ist wahr, damit macht man keine Scherze. OLIVER, MEIN OLIVER, TOT.

Dritte Reaktion: ich muß sofort nach Hause. Irgendwie. Mit Flugzeug, Taxi, Zug. egal... Nur irgendwie nach Hause.

Ich rufe noch mal zu Hause an und lasse mir Irmi ans Telefon holen. Weinend erzählt sie mir, daß gegen 20:00 Uhr zwei Polizisten an der Tür geklingelt haben und ihr mitgeteilt hätten, daß Oliver mit dem Motorrad tödlich verunglückt sei. Heute morgen habe Oli noch mit einem fröhlichen - Adios - das Haus verlassen. Und heute abend berichten zwei Polizisten, daß Oli tot sei!

Ohne eine Bestellung im Restaurant aufgegeben zu haben, verlassen wir fluchtartig das Lokal und eilen im Schnellschritt in Richtung Hauptbahnhof. Niemand spricht ein Wort. Im Hauptbahnhof angekommen versuchen wir eine Zugverbindung nach Köln oder Düsseldorf zu bekommen. Aber es gibt keine direkte Verbindung dorthin. Ein einziger Nachtzug in Richtung Deutschland geht nach Berlin. Endlich finden wir eine Verbindung bis Venlo mit einmal umsteigen in Nijmwegen. Ich lasse also die Freunde in Amsterdam zurück und fahre nach Venlo. Unterwegs rufe ich Yvonne an und erzähle ihr, daß ich gegen 00:00 Uhr in Venlo ankommen werde und von dort mit dem Taxi nach Hause käme. Sie macht den Vorschlag, mich - zusammen mit ihrem Freund - von dort abzuholen. Ich bin einverstanden, möchte aber, daß Irmi mitfährt, damit sie nicht alleine zu Hause bleibt.

Ich fahre nach Hause und die Gedanken kreisen immer nur um Oli. Wie kann er tot sein und ich lebe? Was wird jetzt aus uns? Geht jetzt alles in die Brüche? Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich fühle mich ausgeliefert, machtlos. Bisher war ich ein Glückspilz. Keine schweren Krankheiten in der Familie. Kinder, wie man so sagt, wohlgeraten. Ehe intakt. Und jetzt stirbt uns unser Sohn mit 26 Jahren. -

Irgendwie schaffe ich es, den Umsteigebahnhof Nijmwegen nicht zu verpassen. Mit Mühe und Not gelingt es mir auch den Bahnsteig mit dem Zug nach Venlo zu finden. Um 00:00 Uhr komme ich in Venlo an und treffe Irmi, Yvonne und Marc (der Freund von Yvonne). Wir fahren nach Hause. Um ca. 02:00 Uhr versuchen wir zu schlafen. Irgendwann schlafe ich auch ein. Gegen 06:00 Uhr wache ich wieder auf und wieder beginnen meine Gedanken zu kreisen. Mir ist flau im Magen.