Ein Jahr danach ... (im November 2000)

Heute sind es ca. 14 Monate her, dass Oli diese Welt verlassen hat. Der grausame, unmittelbare, alles andere betäubende Schmerz, hat - was mich betrifft - etwas nachgelassen. Ich kann mich jetzt wieder dauerhaft auch auf andere Dinge des Lebens konzentrieren. Dafür verfalle ich jetzt häufiger in eine depressive Stimmung, die mich jedoch nicht mehr so total lähmt, wie das in den ersten Monaten so sehr der Fall war. Diese depressive Stimmung stellt sich vollkommen unmotiviert ein. Zum Beispiel, wenn ich auf der Straße einen jungen Mann sehe, der von Statur und Bewegung Oli gleicht. Ich bin dann jedesmal richtig erschrocken.

Was ich aber auch an mir bemerke, und was mir überhaupt nicht gefällt, ist, dass ich offenbar weniger Geduld mit meinen Mitmenschen habe als früher. Vor Olis Unfall war ich immer auf Ausgleich und Frieden bedacht und habe dafür auch schon mal ganz bewußt die eine oder andere Laune meiner Umwelt - ohne mich zu wehren - ertragen. Das fällt mir heute deutlich schwerer als früher.

Meine Gedanken sind oft bei Oli. Ich denke sehr häufig an ihn, wenn ich mit dem Hund spazieren gehe. Eigentlich immer dann, wenn ich alleine bin.

Musik rührt mich häufig ganz seltsam an. Es gibt Musikstücke, die wühlen mich richtig auf. Mir ist dann manchmal zum Heulen und Jubeln - beides zugleich nebeneinander. In diesen Augenblicken habe ich schon mal das Gefühl gehabt, Oli wäre dabei und hört mit mir zu. Verrückt!?

Jetzt, wo Oli nicht mehr da ist, stelle ich mir immer öfter die Frage: "das kann doch nicht alles gewesen sein."

Ich habe Angst Oli nur noch nebulös zu sehen. Diese Homepage ist auch für mich ein Stück Kampf gegen das Vergessen, gegen die Gewöhnung des Zustandes ohne Oli. Ich möchte Spuren legen, die an Oli erinnern, mich und auch andere.

Bevor Oli starb, war mir ein Leben nach dem Tod weder wahrscheinlich noch eigentlich wünschenswert. Seit Olis Unfall hat sich diese Einstellung jedoch vollkommen geändert. Erst jetzt bin ich offen für Themen wie Reinkarnation, Buddhismus, Nahtod-Erfahrungen und Parapsychologische Phänomene. - Ich hoffe, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Was immer mit uns nach dem Tod geschieht, auf irgeneine Art kann die Seele, das, was das Bewußtsein ausmacht, nicht einfach verschwinden. Vor diesem Hintergrund hat mich ein Hinweis eines Bekannten, den ich über das Internet kennengelernt habe und der sich mit Reinkarnationsforschung befaßt, nachdenklich gemacht. Seiner Ansicht nach, kann, wenn die Indizien nicht trügen, die auf eine Reinikarnationsmöglichkeit hindeuten, es für den Verstorbenen von großem Nachteil sein, wenn man durch übergroße Trauer ihn nicht losläßt. Aber Trauer kann man nicht einfach abstellen.

Der Tod schafft Fakten, die wir nicht mehr leugnen können. Fast alles läßt sich irgendwie wieder reparieren. Der Tod jedoch ist endgültig, unumkehrbar. Was aber stirbt denn, wenn man stirbt? Wird dann alles zu nichts? Kamen wir denn nicht auch aus dem Nichts? Ist ein Werden aus dem Nichts denn überhaupt möglich? Ich vermute, in diesen widersinnigen und unlogischen Fragen, die sich aber zwangsläufig einstellen, wenn man über den Tod und das Leben nachdenkt, liegt die Wahrheit verborgen. Wir können sie nur nicht erkennen, weil wir nur in einer Dimension denken können, die für diese Wahrheit nicht ausreicht. Vermutlich sind die Fragen alle falsch gestellt und es löst sich im Tod alles auf. Die - wie sinngemäß Schopenhauer sagt - alles wissende, unbewusste Seele (er sagt Wille dazu) geht wieder in den Schoß der Welt zurück.

Deshalb glaube ich, dass wir uns wiedersehen, wenn wir das nur ganz fest wollen. In unserer Todesstunde werden wir Oli wiedersehen. Das ist meine große Hoffnung und mein größter Wunsch!