Sechzehn Jahre danach

Es ist unfassbar! Jetzt sind schon 16 Jahre seit Olis Unfall vergangen. Welche Gedanken und Gefühle habe ich heute, nach solch einer langen Zeit, wenn ich an dieses einschneidende Ereignis denke? Spontan fällt mir dazu folgendes ein:

    1. Der Unfalltag ist mir immer noch so gegenwärtig, wie vor 16 Jahren.
      Mir scheint es rückwirkend, als lebte ich ab dem 2.9.1999, dem Todestag meines Sohnes, auf zwei Ebenen. Die eine Ebene ist die der Trauer, die andere ist die des Weiterlebens. Beide Ebenen haben offenbar psychisch zwei völlig unterschiedliche Zeitwahrnehmungen. Auf der Trauerebene scheint die Zeit kaum vergangen zu sein. Alles ist noch so präsent, wie am Unglückstag und den Wochen danach. Auf der Ebene des Weiterlebens spüre ich, dass eine lange Zeitspanne mittlerweile verstrichen ist. Auf dieser Ebene hat sich viel ereignet, so dass ich diese Zeitspanne subjektiv als entsprechend lang nachempfinden kann. Auf der Trauerebene sieht das jedoch völlig anders aus. Das Katastrophenereignis füllt mit allen Randaspekten der Trauer diese Zeitspanne als Einziges völlig aus und hat deshalb vermutlich subjektiv eine kürzere Zeitwahrnehmung zur Folge.
      Was ich aber auch spüre, und was ich in der tiefen Trauerphase der ersten Jahre für unmöglich gehalten hätte, ist eine deutliche Milderung des seelischen Schmerzes. Im Lauf der Zeit habe ich gelernt, den Tod meines Sohnes als mein Schicksal zu akzeptieren. Sicher, es hat sehr lange gedauert, aber heute kann ich sagen, dass ich zwar mit Wehmut an die schöne Zeit zurückdenke, als unsere Familie noch vollzählig war, dass ich aber die lähmende Trauer der Anfangsjahre überwunden habe. Ich glaube, dass mir meine intensive Trauerarbeit, die sich über sicherlich 5 Jahre mit abnehmender Tendenz erstreckte, bei der Bewältigung geholfen hat. Eine sehr wichtige Komponente war die Erstellung und Pflege der Gedenkwebseite für meinen Sohn, über die ich Kontakte mit Leidensgenossen/innen bekam und mit denen ich mich per Mail austauschen konnte. Ein Schlüsselerlebnis war der Moment, als ich entdeckte, dass ich begann, die Trauer zu "kultivieren". Es kam mir so vor, als ginge es mir nur noch um meine Trauer - und nicht mehr in erster Linie um Oli. Ich weiß nicht mehr genau, wann das war. Aber ab dem Zeitpunkt dieser Erkenntnis konnte ich wirklich so nach und nach loslassen. Heute fühle ich die seelische Wunde - tut mal mehr oder weniger weh. Das "Hamsterrad der Gefühle" von damals ist jedoch vorbei. Vielleicht macht das manchen Trauernden Mut, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilen kann. Das ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe - aber in diesem Zusammenhang nicht für möglich gehalten habe.

    2. Der Spruch eines Kollegen am Grab meines Sohnes: "Das Leben geht weiter."
      Am Tag der Beerdigung, nachdem der Sarg meines Sohnes ins Grab gehoben worden war und sehr viele Verwandte, Freunde, Kollegen und Nachbarn uns ihr Beileid gaben, umarmte mich ein guter Freund und raunte mir ins Ohr: "Kopf hoch, das Leben geht irgendwann weiter." Das war für mich in dieser Situation wie ein Schock. In diesem Moment habe ich ihn dafür fast gehasst. Seit dieser Zeit weiß ich, dass es manchmal besser ist, nichts zu sagen. Was soll man auch sagen, das wirklich tröstet? Da gibt es kaum jemand, der in dieser Situation die richtigen Worte findet. Also lieber schweigen und vielleicht durch eine herzliche Umarmung sein Mitgefühl ausdrücken. Heute bin ich ihm nicht mehr gram. Ich weiß, dass er in seiner Hilflosigkeit mich trösten wollte und ihm fiel halt nichts Gescheiteres ein. Auch weiß ich heute, dass er recht hatte - das Leben geht tatsächlich weiter, denn die Zeit heilt die Wunden - man muss es allerdings zulassen. Damals gingen mir die Gedanken durch den Kopf: "Wie lange musst Du noch damit leben?" Ich war zu dieser Zeit 49 Jahre alt. Die Aussicht, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit noch 25 bis 35 Jahre mit diesem Schmerz leben zu müssen, erschien mir extrem grausam. Jetzt sehe ich das in einem anderen Licht. Ich weiß heute, dass es tatsächlich weitergehen kann - und dass der Schmerz mit den Jahren abnehmen kann.

    3. Oli würde dieses Jahr 42 Jahre alt.
      Oli war 26 Jahre alt, als er sterben musste. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wenn ich junge Familien sehe, dass ich mir vorstelle, wie es wohl wäre, wenn Oli auch die Möglichkeit gehabt hätte, Familienvater zu sein - und damit uns natürlich zu Großeltern gemacht hätte. Ich glaube, Oli wäre ein liebevoller Vater geworden.

    4. Besteht eine Chance, dass wir uns wiedersehen?
      Eine schwierige Frage, die mich umtreibt, seit Olis Tod. Ich habe unglaublich viele Bücher gelesen, die sich mit dieser Frage mehr oder weniger beschäftigen. Immer auf der Suche, ob es eine Möglichkeit geben könnte. Seltsamerweise habe ich in den religiösen Schriften nicht viel gefunden, was mir insofern brauchbar erschien. Ein Kollege von mir, dessen Sohn ebenfalls viel zu früh und völlig unerwartet gestorben ist, hatte mir damals, als er von Olis Unfall erfahren hatte ein Buch geschenkt mit dem Titel "Leben nach dem Tod: Die Erforschung einer unerklärlichen Erfahrung". Der Autor, Raymond Moody, ein amerikanischer Arzt, hatte bereits in den 70'er Jahren des vorigen Jahrhunderts 150 Fälle von klinisch Toten, die wiederbelebt werden konnten, dokumentiert. Diese 150 Menschen berichteten sensationelles. Heute bezeichnet man diese Erlebnisse als "Nahtoderlebnisse" (im engl. Near-Death-Experiances). Das hatte mich förmlich elektrisiert. Ein erster Lichtblick, dass es eine Chance gibt uns wiederzusehen. Es wäre zu weit gehend, die Hinweise und Folgerungen, die sich aus dem Phänomen der Nahtoderfahrungen ergeben an dieser Stelle auszubreiten. Mittlerweile ist die Erforschung dieses Phänomens seit Moodys Pionierarbeit 40 Jahre weiter. Es gibt so viele Indizien - keine Beweise im wissenschaftlichen Sinne - die auf ein wie auch immer geartetes Leben nach dem Tod hindeuten, dass ich mittlerweile davon überzeugt bin. Wer sich mit dieser Thematik näher befassen möchte, den oder die möchte ich auf folgende Website hinweisen, die sich eingehend auf wissenschaftlich seriöse Weise diesem Thema widmet: http://www.netzwerk-nahtoderfahrung.org. Das Netzwerk, dem ich mittlerweile seit 2011 angehöre, war erst im Jahr 2004 gegründet worden - 5 Jahre nach dem Tod von Oli. Ich hätte viel darum gegeben, wenn es diesen Verein schon damals gegeben hätte. Ich selbst hatte (zum Glück) noch keine Nahtoderfahrung machen müssen. Viele Menschen mit dieser Erfahrung berichten, dass sie sich außerhalb ihres Körpers befunden hätten (sog. Out of Body Experiance, kurz OBE). Erstaunlich ist hierbei die Tatsache, dass sie trotz völliger Bewusstlosigkeit, im Zustand des klinischen Todes, noch Dinge visuell wahrnehmen konnten - und das sogar aus Perspektiven, die ihnen aus ihrer Lage selbst dann nicht möglich gewesen wäre, wenn sie bei vollem Bewusstsein gewesen wären. Einige dieser Beobachtungen im Zustand des klinischen Todes ließen sich sogar später objektiv verifizieren. -
      Ich habe für mich daraus den Schluss gezogen, dass ich mit gutem Grund hoffen darf, dass es ein Wiedersehen mit meinem Sohn geben wird.

Langenfeld, den 20.01.2016