Vater & Sohn

Erste Nacht

An Olis erste Nacht zu Hause in Aurich erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen. Irmi war noch ziemlich geschwächt von Olis Geburt. Sie hatte nach der Geburt Fieber bekommen, das sich ein paar Tage hinzog. Als dann eine Woche später die Beiden endlich zu Hause waren, mussten wir Greenhorn-Eltern dieses kleine schreiende Bündel bändigen.


Zunächst ging alles ganz gut an. Oli wurde für die Nacht fertig gemacht. Baden, Wickeln, Pulla. Alles lief wie am Schnürchen. Das änderte sich jedoch kurz nachdem wir uns schlafen gelegt hatten. Ich musste um 06:00 Uhr zum Dienst. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich kein Auge zugemacht. Oli schrie wie am Spieß. Aufstehen, beruhigen, hinlegen. - SCHREIEN!!! - Aufstehen, beruhigen, vielleicht Pulla? Also Milch warm machen, Milupa reinrühren, Pulla verabreichen - ABLEHNUNG. Keinen Hunger? - Warum schreist Du denn dann so? Also wieder hinlegen. - SCHREIEN!!! - Oli auf Arm nehmen, durch Wohnung laufen, wieder hinlegen. Wie halten die anderen denn sowas aus? frage ich mich. Um 06:00 Uhr gebe ich etwas erleichtert aber todmüde die Verantwortung an Irmi ab und wanke zum Dienst. Wenn das so weitergeht, kann das ja heiter werden, denke ich.
Des Rätsels Lösung ob Olis Nachtkonzert wurde mir nach Feierabend von Irmi eröffnet. Olis Windeln hätten schlimm ausgesehen. Fortan wurde erst einmal die Windel überprüft, wenn Oli nächtlichen Unmut verriet. Von da an hatten wir ein Baby, das uns meistens durchschlafen ließ.


Kleinkindzeit

In den ersten drei Lebensjahren von Oli verlief eigentlich alles so, wie man es sich als Eltern wünscht. Oli war ein kräftiges, gesundes Kind und entwickelte sich erfreulich und erstaunlich gut. Ich hatte mich in dieser Zeit viel um ihn kümmern können (was mir leider bei meiner Tochter, die 1976 geboren wurde, nicht mehr so in diesem Ausmaß möglich war).
An schwereren Krankheiten erinnere ich mich nur an eine Mittelohrentzündung und an einem sog. azetonämischen Erbrechen. Im Verlauf der Mittelohrentzündung habe ich Oli, der vor Schmerzen lange Zeit schrie und wimmerte, sicherlich kilometerweit auf der Schulter durch unsere Wohnung getragen. Ich habe ihn dabei geschaukelt und er hat mir dabei ins Ohr gebrüllt.
Das azetonämische Erbrechen war auch nicht lustig. Oli trocknete regelrecht aus, weil er alles, was er zu sich nahm, postwendend wieder erbrach. Wir mussten, als sich die Symptome bedrohlich verschlimmerten, Oli mitten in der Nacht zum Krankenhaus nach Norden fahren. Dort haben sie Oli die ganze Nacht über an den Tropf gelegt. Wir hatten dem Arzt angeboten, über Nacht bei Oli zu bleiben. Das wurde rundweg abgelehnt. Heute ärgere ich mich noch darüber, dass wir dem nachgegeben hatten. Oli muss der Schwester und dem Arzt eine unruhige Nacht beschert haben. Als wir früh am Morgen zum Krankenhaus kamen. wurden wir von einer vorwurfsvollen Schwester empfangen, die uns sichtlich genervt mitteilte, dass Oli sich mehrfach den Tropf vom Handgelenk entfernt habe. Das hätte ja wohl nicht zu sein brauchen, wenn wir hätten bleiben können, sage ich und denke mir ein Götz-Zitat.
Einen Schock bekamen wir, als wir Oli sahen. Er saß auf dem Behandlungstisch und sah aus, wie ein kleiner Buddha. Der Kopf war überdimensional aufgeschwemmt, vermutlich vom Tropf. Der Arzt beruhigte uns, dass dieses Aussehen ganz normal wäre, nach solch einer Flüssigkeitszufuhr, die ihm verabreicht werden musste. Dann äußerte sich jedoch Oli, als er uns sah, und sagte, indem er auf einen Schrank zeigte: „Ier inken!“(Elternübersetzung: „Hier stehen die Getränke, ich hab‘ Durst“) - Trinkt das Kind Bier? fragte der Arzt uns ganz entsetzt. Da konnten wir ihn jedoch beruhigen. Das kam erst später.


Kindheit

Die Jahre von 1976 bis 1982 waren für mich nicht so, wie ich es mir jetzt in der Rückschau wünschte. In diesen 6 Jahren, also Olis Lebensabschnit von 3 bis 9 Jahren, war ich sehr selten für die Kinder da. Das lag an meiner 2-jährigen Abendschulzeit sowie dem daran anschließenden Studium in der Nähe von Münster. So konnte ich mich lediglich an den Wochenenden um die Kinder kümmern. Oli und ich haben damals weite Spaziergänge im Umland von Norden unternommen. Das hatte uns beiden viel Spaß gemacht. Ich erinnere mich an einen Urlaub am Achensee in Tirol. Dort haben wir die steilen Almen rings um den See zu Fuß erstiegen. Ich war damals noch ganz gut durchtrainiert. Aber Olis Tempo den Berg hoch war ich nicht gewachsen. Das war auch die Zeit, in der es modern war, die Frisbee-Scheiben zu werfen. Nach einiger Übung hatten wir den Bogen raus.
Olis Kindergeburtstage haben wir immer mit irgendeiner Aktivität versehen. Mal waren wir schwimmen, mal waren wir im Wuppertaler- oder Duisburger Zoo. Einige Male waren wir auch im Phantasialand bei Brühl. Für die Durchführung dieser Aktionen war ich verantwortlich. War manchmal ganz schön anstrengend, die Rasselbande unter Kontrolle zu halten.
Es war aber die Zeit, in der ich noch guten Einfluss auf Oli nehmen konnte, soweit meine knappe Zeit dies zuließ. Ich denke gerne daran zurück.


Jugendzeit

Olis Jugendzeit ist eng verknüpft mit der Entwicklung des Computers. Bereits 1985 wünschte Oli sich den ersten Homecomputer, einen Commodore 64. Wir beide haben so manche Stunden an diesem Gerät verbracht. Hierbei hat mich Oli mit dem Computer-Virus angesteckt. Bis heute beschäftige ich mich noch intensiv mit dieser Materie. Damals haben wir unsere ersten Basic-Programme geschrieben. Solche Spiele wie Winter- und Summergames oder Elite, ein Weltraumspiel, haben uns häufig zusammengeführt. Eine Zeitlang haben wir uns auch über diese Entwicklung gesorgt. Denn, wie auch später immer wieder bei anderen Dingen, hatte Oli sich mit einem Eifer in diese Sache gestürzt, der nur noch wenig Freiraum für andere Aktivitäten ließ. Sicherlich hat die Schule auch darunter gelitten. Was sind wir aber heute froh, dass wir Oli nicht mit Gewalt in diese tote Leistungsmaschine gepresst hatten. Wie wir heute wissen, hat er auch ohne ein Musterschüler zu sein, seinen Weg gemacht. Vielleicht nur ein wenig glücklicher als andere Kinder, die schon viel zu früh in der Leistungsmühle seelisch zerrieben werden.
1985 machten Oli, damals 12 Jahre- , und Yvi, 9 Jahre jung, eine schöne Radtour. Wir fuhren mit dem Zug nach Rüdesheim, unsere Fahrräder im Gepäckwagen. Dort angekommen wurden die Räder entladen und das Gepäck auf die Träger geschnallt. Dabei passierte Oli ein Missgeschick, das mich wegen meiner idiotischen Reaktion noch heute beschäftigt. Ob Oli bei seiner vermutlich stattgefunden Lebensrückschau (vgl. Raymond Moody, Leben nach dem Tod) diese Situation noch mal erlebte? Während ich also unser Gepäck auf die Räder verteilte, stand Oli bei seinem Rad und spielte mit der Handbremse. Er drückte den Handgriff immer wieder zu und ließ dann wieder los, vermutlich in Gedanken, wie man ja auch manchmal mit dem Fuß wippt, wenn man auf etwas wartet und ungeduldig ist.
Yvi hatte sich zu Oli gesellt und legte die Hand ans Lenkrad. Bei dieser Gelegenheit muss ihre Hand zwischen dem Bremszug und Bremsgriff geraten sein. Jedenfalls gab es ein lautes Geschrei, als Oli ihr in Gedanken einen Finger mit der Bremse abklemmte. Das Geschrei, das Gepäck, die Hitze - jedenfalls habe ich die beiden ganz schön angefaucht. Ganz besonders Oli habe ich angebrüllt. Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, jedenfalls war das total übertrieben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, staune ich über Olis Reaktion. Er sagte nichts, schaute mich nur an. Er bedauerte Yvi und sagte zu mir nichts. Als wir ziemlich geschafft auf dem Berg in der Jugendherberge Rüdesheim ankamen, haben wir nicht mehr darüber gesprochen. Oli war fröhlich wie zuvor.
Die weitere Entwicklung in den 90er Jahren war geprägt durch Olis Interesse an PCs, Autos und Motorrädern. 1991 machte Oli den Führerschein Klasse 1 und 3. Vom Opa hat er das Geld für sein erstes Motorrad, eine Enduro, geschenkt bekommen. Ich hatte den Eindruck, dass Oli und ich uns zwar menschlich gegenseitig respektierten, aber ansonsten, bis auf den PC, nicht mehr allzuviele gemeinsame Interessen hatten. Mit Oli kam ich eine Zeitlang nicht gut ins Gespräch. Die Zeit 1991 bis 1997 lebten wir mehr nebeneinander her. Wir hatten den einen oder anderen Konflikt, bei dem ich mich meist für den Moment durchsetzte. Auf lange Sicht jedoch hat sich Oli immer durchgesetzt. Ich war nicht allzu konsequent im dauerhaften Durchsetzen meiner Erziehungsversuche.
Um wenigstens einmal im Jahr mit meinen Kindern auf engstem Raum gemeinsam etwas zu unternehmen, kam ich auf die Idee, einmal im Jahr mit den beiden auf Segeltour zu gehen. Wir haben das 1997 und 1999 auf der Müritz, einem großen See in Mecklenburg-Vorpommern, durchgeführt. Während ich in 1997 das Gefühl hatte, das Oli diese Tour nur mir zuliebe mitmachte, war dies in 1999 ganz anders. Da hatte ich das Gefühl, und Yvonne hat mir das bestätigt, dass Oli wirklich Spaß an unserer gemeinsamen Reise hatte. Wir hatten schöne Gespräche über Gott und die Welt. Wenn man abends im Boot beieinander sitzt, ohne Fernsehen oder sonstiger Ablenkungsmöglichkeit, öffnet man eine Flasche Wein und spricht man halt über alles Mögliche.
Oli hat von seinen beruflichen Plänen, von seiner momentanen Arbeit und den Kollegen gesprochen.
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Dann kam der 02.09.1999 und alles war zu Ende.